Ratsmehrheit gegen Bürgerbegehren: Initiatoren werben für Bahnanbindung statt Radschnellweg

Dr. Andreas Klöcker (vl), Cristof Giesers und Rainer Sauer wollen weiterhin die Bahntrasse nach Münster wiederbeleben statt einen Radschnellweg. Das Foto zeigt die drei Initiatoren des Bürgerbegehrens auf dem Weg zur Stadtverordnetenversammlung.

„Das Bürgerbegehren „Stoppt den Radschnellweg RS2“ ist unzulässig, da die Baumaßnahme im Rahmen eines Planfeststellungsverfahren durchgeführt wird“, sagt die Verwaltung. Die drei Initiatoren Rainer Sauer, Christof Giesers und Dr. Andreas Klöcker halten dagegen: „Aus zweierlei Gründen halten wir die Ratsvorlage für nicht eindeutig und überholt: Die tatsächliche Realisierung eines Planfeststellungsverfahrens ist den Unterlagen nicht eindeutig zu entnehmen – und liegt zudem noch weit entfernt. Hinzu kommt aktuell, dass sich eine Westmünsterlandbahn GmbH gegründet hat, die die Bahntrasse nach Rhede wiederbeleben will.“

Die Stadtverordnetenversammlung folgte jedoch am Mittwoch (9. Februar) bei der Abstimmung der Empfehlung des Bürgermeisters Thomas Kerkhoff und lehnten das Bürgerbegehren mehrheitlich ab. Zuvor warben die drei Initiatoren in der Stadtverordnetenversammlung auch inhaltlich für ihr Bürgerbegehren und bekamen dafür 15 Minuten Zeit eingeräumt. Nachfolgend die drei Statements:

Pro Radweg – Contra Radschnellweg RS2 (Rainer Sauer)

Mein beruflicher Einsatzort war bislang Mülheim, Essen und Bochum. Dort ergibt ein Radschnellweg Sinn. Denn hier gibt es kaum Radwege. Es herrscht dort besonders morgens und am Nachmittag ein absolutes Verkehrschaos. Im Verhältnis Radwege-Kilometer zur Einwohnerzahl steht Bocholt 80 % besser da als Essen. Bocholt hat ein gut ausgebautes Radwegenetz. Von A nach B mit dem Rad zu kommen ist überhaupt kein Problem. Aber ein zusätzlicher Radschnellweg, etwa von Bocholt nachRhede, ergibt keinen Sinn. Warum? Ganz einfach: Wer nicht direkt am Bahnhof, der Münster Straße oder am Stadtwald wohnt, hat davon rein gar nichts, im Gegenteil. Der Radschnellweg soll ausschließlich auf der ehemaligen Bahntrasse gebaut werden.

Sie Fragen sich vielleicht, ob dies ein Problem ist. Die Frage will ich so beantworten: Ich gehe davon aus, dass der Bürgermeister auch ein „Dienstfahrrad“ hat. Wenn ja: Warum sollte der Bürgermeister den Radschnellweg nutzen, wenn er später von seinem Amtssitz am Berliner Platz aus einen Termin etwa bei der Firma Borgers, bei Fahrrad Rose oder im Industriegebiet Mussum wahrnehmen müsste? Und sollte der Bürgermeister mal seinen Amtskollegen Herrn Bernsmann in Rhede mit dem Fahrrad besuchen wollen, so kommt er dort auf bereits bestehende Radwege schnell und auf kurzem Weg hin. Ein Radschnellweg hier in Bocholt ist so, als würden überall neben den Schnellstraßen noch Autobahnen gebaut werden. Das kann nicht ernsthaft gewollt sein.

Und: Was ist mit Klimaschutz? Auch klimapolitisch täte Bocholt gut daran, den 7 Meter breiten und 6,9 Kilometer langen Radschnellweg nicht zu realisieren, denn mehr als 42.000 Quadratmeter Fläche müssten dafür versiegelt werden. Ganz abgesehen von den vielen Bäumen,die dafür gefällt werden müssten. Der Radschnellweg wäre purer Luxus und absolut überflüssig – jedenfalls in Bocholt.

Jetzt kommt bestimmt der Einwand: „Die Kosten von 11 Millionen Euro übernimmt doch das Land“. Dies ist nicht die ganze Wahrheit, denn erstens sind das auch Steuergelder. Zweitens wird Bocholt dadurch finanziell und personell zusätzlich belastet: Straßen NRW und der Kreis Borken werden die Stadt Bocholt dabei nicht außen vorlassen – und das bindet – wie jetzt schon – städtisches Personal.

Was wäre jetzt wichtig? Die Antwort ist einfach: Wir sehen dringenden Handlungsbedarf bei der Sanierung vorhandener Radwege – und das in ganz Bocholt. Dafür muss Geld in die Hand genommen werden! Dies sollte jetzt erfolgen, nicht erst in späteren Jahren und nicht nur punktuell. Hier müssen die Prioritäten liegen, nicht beim Radschnellweg.

Und wichtig ist, dass die Bahntrasse frei bleiben muss, damit Bocholt den Anschluss mit dem Zug nach Rhede und in Richtung Münster nicht verpasst. Hier die dazugehörigen zwei Folien – einfach anklicken.

Korrektur der Zahlen (Christof Giesers)

Siehe Folie 5 – 10 „Die Machbarkeitsstudie“ – einfach anklicken.

Mobilität von Morgen (Dr. Andreas Klöcker)

Rund um das Oberzentrum Münster schreitet der z.T. grenzüberschreitende Ausbau des Schienenpersonen-Nahverkehrs zügig voran. Er reicht von Münster aus bis in die Kreisstadt Coesfeld. Das westliche Münsterland, insbesondere die Städte Bocholt, Rhede und Kreisstadt Borken, werden hingegen überhaupt nicht berücksichtigt. Somit wird eine ganze Region des Münsterlandes „abgehängt“. Die in Borken und Bocholt vorhandenen Bahnanschlüsse verbinden unsere Region ausschließlich mit dem südlich gelegenen Ruhrgebiet, von Bocholt aus darüber hinaus bis in die Landeshauptstadt Düsseldorf.

Die tägliche Belastung durch das hohe Aufkommen an Individual- und LKW-Verkehr,

speziell auf der Richtung Münster führenden B67, zeigt, wie wichtig bereits heute attraktive Alternativangebote im Rahmen des ÖPNV sind. Die Städte Bocholt, Rhede und Borken als Kreisstadt weisen jeweils eine hohe Quote täglicher Ein- und Auspendler auf. Auch die demnächst durchgängig befahrbare B67 ändert daran nichts. Die Belastungen werden eher noch größer werden.

Der zwischen Bocholt und Münster verkehrende „Sprinterbus“ ist keine adäquate Antwort auf die Herausforderungen bzgl. belastbarer Konzepte einer „Mobilität von Morgen“. Eine auf das Straßennetz angewiesene Busverbindung ist bei jeder Fahrt zwangsweise an das Verkehrsaufkommen gebunden. Auf einer Länge von 100 km einfache Strecke sind Staus, Behinderungen und Verspätungen somit vorprogrammiert. Einzelne Personengruppen wie Rollatorbenutzer, Familien mit Kinderwagen, Rollstuhlfahrer können zum größten Teil überhaupt nicht befördert werden. Ein Fahrradtransport ist ebenfalls nicht vorgesehen. Eine bordeigene Toilette fehlt.

Das Verkehrsministerium NRW hat diese Herausforderungen erkannt. In der „Zielkonzeption 2030/2040 des Schienenpersonennahverkehrs“ wird die Reaktivierung der ehemaligen Bahnverbindung von Bocholt über Rhede, Borken bis Coesfeld ausdrücklich berücksichtigt. Die sinnvolle Weiterführung der Bahn von Bocholt nach Rhede berücksichtigt dazu sogar den Ausbau von zwei Bahnlinien, sowie eine grenzüberschreitende Reaktivierung von Borken nach Winterswijk (NL).

Die Nachfrage nach massentauglichen Mobilitätsangeboten – speziell mit einer Bahnverbindung in Richtung Münster – wird auf Grundlage der demografischen Entwicklung in den kommenden Jahren extrem steigen. Bocholts Bevölkerung altert. So werden besonders ab 2025/26 die sog. geburtenstarken Jahrgänge (1955 – 1969) sukzessive über einen Zeitraum von 10 Jahren in immer stärkerem Maße aus dem aktiven Arbeitsleben ausscheiden und in den dritten Lebensabschnitt wechseln. Die Auswirkungen des demografischen Wandels werden in der gesamten Region spürbar werden. Die ältere Generation wird gegenüber der Politik attraktive ÖPNV-Anbindungen einfordern. Bahnverbindungen in alle Himmelsrichtungen werden dann einen wichtigen Baustein der Daseinsvorsorge – nicht nur in Bocholt – bilden.

Die ertüchtigte „Baumbergebahn“, das restliche Teilstück der ehemaligen Verbindung Bocholt – Münster, zeigt, wie die Antwort auf die Fragen einer geänderten Mobilität aussehen könnte.

Für Bocholt ist der elektrifizierte „Bocholter“ nach Düsseldorf der richtige Schritt in die richtige Richtung. Daher war es auch zu begrüßen, dass der Rat der Stadt Bocholt im Januar 2020 fraktionsübergreifend und einstimmig den Beschluss fasste, den damaligen Bürgermeister Peter Nebelo mit der Aufnahme zu Gesprächen über die Wiederbelebung der Bahn nach Münster zu beauftragen.

In einer ähnlichen Weise wie das Verkehrsministerium NRW sieht auch der Verband deutscher Verkehrsunternehmen e.V. (VDV) kurz- bis mittelfristig sehr gute Chancen für eine Reaktivierung der Strecke 2265 von Bocholt Richtung Coesfeld.
In seiner Studie zu den Chancen einer Reaktivierung sind es besonders zwei Aspekte, die eine Wiederaufnahme des Personen- und Güterverkehrs nahelegen:

– die Schiene stellt im Westmünsterland die Verbindung aufkommensstarker Räume sicher (Verbindungsfunktion),
- eine Reaktivierung der alten Verbindung erschließt unterversorgte Regionen durch ein schienengebundenes Grundangebot (Erschließungsfunktion).

Fazit: Ein weiterer Ausbau der Schienenverbindung von Bocholt bis Coesfeld würde für alle an der Trasse liegenden Kommunen Standortvorteile vielfältiger Art mit sich bringen. Ein modernes Bahnangebot schließt die sichtbare Lücke im ÖPNV-Angebot besonders im ländlichen Raum, es trägt zu einer stärkeren Vernetzung der Region insgesamt bei und wäre so die adäquate Antwort auf eine dringend notwendige Verkehrswende. Eine spürbare und nachhaltige Verlagerung des Individual- und LKW-Verkehrs weg von der Straße ist nur mit guten Bahnverbindungen zu realisieren.

Aber nicht alleine der demografische Wandel wird den Bedarf nach attraktiven ÖPNV-Angeboten beeinflussen. Eine vernetzte Bahn-Infrastruktur wird auch in Bocholt einen entscheidenden Einfluss darauf haben, ob junge Menschen gewillt sind, Bocholt als Stadt der Bildung und Ausbildung zu wählen oder qualifizierte Fachkräfte, Firmen und junge Familien Anreize vorfinden, hier zu siedeln und sesshaft zu werden.

Eine Wiederaufnahme der Bahnverbindung in die westfälische Metropole Münster bietet für Bocholt und das restliche Westmünsterland die einmalige Chance, den Anschluss im wahrsten Wortsinn nicht zu verpassen. Hier die dazugehörigen Folien – einfach anklicken.

Die Ratsunterlagen vom 9. Februar können hier eingesehen werden – einfach anklicken

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